Elf & Ordnung

WM 2026 · Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel · 22. Mai 2026

Zwei offene Achsen vor der WM

Was die letzten fünf Spiele und der verkündete Kader für Deutschlands WM-Start bedeuten

Deutschland hatte zum Ende der Qualifikation eine erkennbare Ordnung gefunden. Nun soll Manuel Neuer als Nummer eins übernehmen, während Serge Gnabry verletzt fehlt. Die Tests gegen Finnland und die USA müssen zeigen, ob Nagelsmann diese beiden Schlüsselrollen rechtzeitig neu ordnen kann.


Die Ausgangslage: Stabilität, danach Prüfungen

Die fünf betrachteten Spiele erzählen keine einfache Erfolgsgeschichte, sondern einen Übergang. In den drei letzten Qualifikationsspielen gegen Nordirland, Luxemburg und die Slowakei blieb Deutschland ohne Gegentor. Besonders beim 6:0 gegen die Slowakei wirkte die Mannschaft nicht nur überlegen, sondern in ihren Rollen klar geordnet: Baumann hinter der Abwehr, Goretzka und Pavlovic als Absicherung, Gnabry zwischen den Linien und Woltemade als Bezugspunkt in der Spitze.

Die folgenden Spiele gegen die Schweiz und Ghana waren Testspiele. Das ist wichtig, denn ein Bundestrainer muss in dieser Phase Varianten sehen dürfen. Gegen die Schweiz änderte Nagelsmann gegenüber dem Qualifikationsabschluss nicht die ganze Abwehr, sondern vor allem ihr Umfeld: Stiller spielte statt Pavlovic, Havertz statt Woltemade. Das 4:3 zeigte viel offensive Qualität, aber auch, dass die Stabilität der Qualifikation nicht allein an vier Verteidigern hing.

Gegen Ghana wurden weitere Alternativen geprüft: Nübel im Tor, Brown links hinten, Groß im Mittelfeld und Woltemade wieder in der Spitze. Nübels Einsatz war zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich kein Torwart-Casting: Nagelsmann bezeichnete Baumann vor dem Spiel noch als Nummer eins.

Erste offene Achse: Neuer hinter einer eingespielten Abwehr

Mit der WM-Nominierung hat sich die Torwartfrage dennoch verändert. Nagelsmann plant laut DFB mit Manuel Neuer als Nummer eins. Seine Begründung ist nachvollziehbar: Neuer bringt Erfahrung, Präsenz und die Fähigkeit mit, hinter einer hoch stehenden Mannschaft mitzuspielen.

Die Entscheidung ist trotzdem mehr als ein Tausch auf einer Einzelposition. Baumann stand in den entscheidenden Qualifikationsspielen hinter jener Defensive, die zu null blieb. Neuer dagegen wurde in den hier betrachteten Spielen nicht gemeinsam mit der vermuteten Stammabwehr aus Kimmich, Tah, Schlotterbeck und Raum getestet.

Manuel Neuer wurde in keinem der fünf betrachteten Spiele gemeinsam mit dieser Abwehrformation getestet. Sein Einsatz zur WM ist damit keine aus der Aufstellungshistorie ablesbare Weiterentwicklung, sondern eine neue Entscheidung nach Abschluss der Testphase.

Darum ist die Leitfrage nicht, ob Neuer ein großer Torwart ist. Die Frage lautet:

Kann Neuer einer bereits eingeübten Defensive sofort zusätzliche Sicherheit geben, oder verändert der späte Wechsel zunächst Abläufe, Zurufe und Vertrauen?

Zweite offene Achse: Wer übernimmt Gnabrys Funktion?

Serge Gnabry begann in allen fünf betrachteten Spielen. Auffällig war dabei weniger eine starre Position als seine Funktion: Er bewegte sich hinter der Spitze in jene Räume, in denen Mittelfeld und Abwehr des Gegners nicht klar zugreifen konnten. Beim 6:0 gegen die Slowakei wurde besonders sichtbar, wie wertvoll diese Verbindung mit Wirtz, Sané und Woltemade sein kann.

Gnabrys verletzungsbedingtes Fehlen reißt deshalb keine bloße Namenslücke. Nagelsmann muss eine Bewegung und eine Verbindung ersetzen. Ein Spieler kann im Aufstellungsbild auf derselben Position stehen und trotzdem eine andere Mannschaft entstehen lassen.

Vorne sollte der mutmaßliche Gnabry-Ersatz nicht erst eingewechselt, sondern von Beginn an getestet werden. Eine denkbare Formation wäre:

Sané - Musiala - Wirtz

Woltemade

Musiala zentral hinter Woltemade: Dribbling und Kombinationen zwischen den Linien. Ist Musiala nach seiner Rückkehr sofort belastbar und eingebunden? Wirtz zentral: Spielgestaltung näher an der Spitze? Wer besetzt dann den Flügel, ohne das Gleichgewicht zu verlieren? Havertz hinter Woltemade: Mehr Größe, Tiefenläufe und Strafraumpräsenz? Fehlt dann die enge Kreativverbindung im Zentrum? Musiala und Wirtz gemeinsam hinter/um Woltemade: Maximale spielerische Qualität und wer erzeugt die Breite und wer sichert Ballverluste ab?

Jamal Musiala wäre für die Rolle zwischen den Linien die naheliegende Lösung, sofern er nach seiner Rückkehr bereits genügend Rhythmus mitbringt. Auch eine zentrale Rolle für Florian Wirtz oder eine Variante mit Kai Havertz ist denkbar. Jede Lösung verschiebt jedoch die Statik: Wer sucht die Tiefe, wer hält die Breite, wer bindet Woltemade, und wer sichert die Ballverluste ab?

Zwei Testspiele mit zwei klaren Prüfaufträgen

Am 31. Mai trifft Deutschland in Mainz (So., 31.05.2026, 20:45 Uhr, MEWA Arena in Mainz, ZDF und ZDF-Livestream ab 20:15 Uhr) auf Finnland. Dieses Spiel sollte weniger eine allgemeine Kaderprobe als ein Einbau-Test sein. Beginnt Neuer hinter der vermuteten Stammabwehr? Wer erhält Gnabrys Rolle im offensiven Zentrum? Und bleibt Deutschland nach Ballverlusten stabil, wenn es selbst das Spiel bestimmen muss?

Am 6. Juni folgt in Chicago gegen die USA (Sa., 06.06.2026, 20:30 Uhr deutscher Zeit, Soldier Field, Chicago, RTL und RTL+, ab 19:05 Uhr) die Generalprobe. Dort geht es nicht mehr nur um den Einbau einzelner Spieler. Im Gastgeberland und gegen einen stärkeren Prüfstein muss sichtbar werden, ob aus den neuen Personalentscheidungen eine belastbare Turnierordnung geworden ist.

Was gegen die USA beantwortet werden muss:

1. Neuer und Abwehr: Klare Kommunikation, sichere Strafraumbeherrschung, keine Abstimmungsfehler

2. Doppelsechs: Absicherung bei Ballverlusten, Schutz vor schnellen Gegenangriffen

3. Gnabry-Ersatz: Verbindung zu Woltemade und Wirtz, Aktionen im Zwischenraum

4. Spiel gegen Druck: Lösungen, wenn der Gegner höher presst als Finnland

5. Nicht nur gute Phasen, sondern Stabilität über 90 Minuten

Der Blick auf Curaçao

Curaçao ist im ersten WM-Spiel der Außenseiter. Gerade deshalb kann der Auftakt unangenehm werden. Deutschland wird vermutlich viel Ballbesitz haben, Räume gegen einen kompakten Gegner suchen und gleichzeitig Konter absichern müssen. Ein früher Rückstand oder zwei vermeidbare Gegentore würden aus einer sportlichen Aufgabe sofort eine Debatte über die neu besetzten Achsen machen.

Noch ist das keine Kritik an der Entscheidung für Neuer und auch kein Urteil über den künftigen Gnabry-Ersatz. Es ist der Prüfauftrag, der aus den letzten Spielen und dem WM-Kader folgt:

Gegen Finnland muss Nagelsmann die neue Ordnung einsetzen. Gegen die USA muss sie Belastung aushalten. Gegen Curaçao muss sie zum ersten Mal unter WM-Druck tragen.

Redaktionelle Bearbeitung: ji · Elf & Ordnung

Quellen und Bezugspunkte