Taktikanalyse Deutschland - Elfenbeinküste 2:1
Die Startelf hatte viel Ballbesitz, aber zu wenig Zugriff auf die entscheidenden Räume. Erst Nagelsmanns Dreifachwechsel gab Deutschland Tiefe, Breite und einen klaren Zielspieler.
60 Prozent Ballbesitz und 16 Abschlüsse klingen nach Kontrolle. Gegen die Elfenbeinküste bestimmten aber lange deren Tempo, Dribblings und Zweikampfstärke das Spiel. Die Wende kam erst mit einer neuen Rollenverteilung um Undav, Amiri und Leweling.
Kurzes Urteil
Deutschland gewann dieses Spiel nicht, weil die ursprüngliche Ordnung besonders gut funktionierte, sondern weil Julian Nagelsmann sie rechtzeitig veränderte.
Die Mannschaft hatte mit 60 Prozent Ballbesitz, 624 gespielten Pässen und 16 Abschlüssen zwar statistisch mehr vom Spiel. Über weite Strecken fehlten aber Tempo, Durchsetzungsvermögen und eine saubere Besetzung der entscheidenden Räume. Die Elfenbeinküste gewann mehr Zweikämpfe, kam auf deutlich mehr Dribblings und brachte die deutsche Defensive vor allem über die Flügel wiederholt in Bedrängnis.
Der späte 2:1-Sieg war angesichts eines Chancenverhältnisses von 16:9 und eines xGoals-Wertes von 1,89 zu 1,22 nicht unverdient. Er war aber auch kein Ausdruck klarer deutscher Überlegenheit.
Die oft beschworenen alten deutschen Tugenden waren sichtbar: Die Mannschaft blieb im Spiel, akzeptierte den Rückstand nicht und erhöhte bis in die Nachspielzeit den Druck. Entscheidend war jedoch nicht allein der Wille. Entscheidend war, dass Nagelsmann nach einer Stunde die Rollen neu verteilte.
Mit Deniz Undav als echtem Mittelstürmer, Kai Havertz in einer zurückgezogenen Position, Nadiem Amiri als beweglichem Verbindungsspieler und Jamie Leweling als direkterer Flügeloption bekam das deutsche Spiel jene Tiefe und Klarheit, die zuvor gefehlt hatte.
Ausgangslage
Nach dem 7:1 gegen Curaçao begann Deutschland mit derselben Startelf. Das war nachvollziehbar, bedeutete aber auch, dass eine gegen einen sehr tiefen Außenseiter erfolgreiche Ordnung nun gegen einen völlig anderen Gegnertyp bestehen musste.
Die Elfenbeinküste verteidigte körperlich robuster, verschob schneller und verfügte mit Yan Diomande, Amad und Ange-Yoan Bonny über Offensivspieler, die offene Räume sofort attackieren konnten. Schon vor dem Spiel war absehbar, dass die deutschen Außenverteidiger nicht ungeschützt in direkte Laufduelle geraten durften.
Ebenso klar war, dass einfacher Ballbesitz nicht genügen würde. Die Ivorer ließen Deutschland phasenweise aufbauen, schlossen jedoch die zentralen Passwege und erhöhten den Druck, sobald der Ball an die Außenlinie gespielt wurde. Genau dort drohten nach Ballverlusten die gefährlichen Gegenbewegungen.
Die Partie sollte deshalb zeigen, ob Deutschlands offensive Ordnung auch dann trägt, wenn der Gegner nicht nur tief verteidigt, sondern selbst über Tempo, Physis und individuelle Qualität verfügt.
Das Ergebnis lautet: teilweise.
Deutschland fand Lösungen, aber erst nach deutlichen Anpassungen.
Grundordnung/Rollen
Deutschland begann erneut in einem nominellen 4-2-3-1:
Neuer - Kimmich, Tah, Schlotterbeck, Brown - Pavlovic, Nmecha - Sané, Musiala, Wirtz - Havertz.
Im Ballbesitz sollte daraus wieder eine fünfspurige Angriffsordnung entstehen. Die Außenverteidiger gaben Breite, während Musiala und Wirtz immer wieder in die Halbräume rückten. Sané wechselte zwischen einer breiten Ausgangsposition und Bewegungen ins Zentrum. Havertz sollte die Innenverteidiger binden, Bälle festmachen und Räume für nachrückende Spieler öffnen.
Felix Nmecha übernahm dabei die aktivere Rolle im zentralen Mittelfeld. Er bot sich im Aufbau an, rückte mit Ball nach vorn und versuchte zugleich, nach Ballverlusten Zugriff herzustellen. Aleksandar Pavlovic blieb häufiger als absichernder Spieler hinter dem Angriff.
Die Elfenbeinküste stellte dem drei robuste zentrale Mittelfeldspieler entgegen. Sangaré sicherte vor der Abwehr, während Kessié und Inao Oulai situativ herausrückten oder nach Ballgewinnen sofort nach vorn schoben.
Gegen den Ball warteten die Ivorer häufig ab, statt die deutschen Innenverteidiger durchgehend anzulaufen. Sie versperrten zunächst den Weg ins Zentrum und lenkten den Aufbau nach außen. Dort konnten sie mit dem Flügelspieler, dem Außenverteidiger und einem nachschiebenden Mittelfeldspieler aggressiver zugreifen.
Deutschlands Problem bestand darin, dass die offensive Fünferstaffel zu häufig nur auf dem Papier vorhanden war. Musiala, Wirtz und Sané suchten ähnliche innere Räume, während Havertz zwischen den Innenverteidigern phasenweise isoliert blieb. Die Breite kam dadurch stark von Kimmich und Brown.
Rückten beide Außenverteidiger vor, wurden die Räume hinter ihnen jedoch genau für jene Spieler geöffnet, deren Geschwindigkeit vor dem Spiel als größte ivorische Waffe galt.
Spielanalyse
Deutschland begann mutig und presste die ivorische Spieleröffnung früh. Bereits nach wenigen Sekunden kam Havertz zum ersten Abschluss. Nach zehn Minuten zwang er Torhüter Yahia Fofana mit einem Kopfball zu einer starken Parade.
In dieser Anfangsphase funktionierte auch das Gegenpressing. Deutschland gewann zweite Bälle, hielt den Gegner vom eigenen Tor fern und konnte Angriffe erneut aufbauen. Der nach einem Eckball erzielte Treffer von Pavlovic wurde wegen eines Kontakts mit Torhüter Fofana allerdings aberkannt.
Nach rund 20 Minuten hatte Deutschland den Gegner weitgehend unter Kontrolle. Das Problem lag weniger im Erreichen des letzten Drittels als in der Feinabstimmung innerhalb dieses Raumes. Pässe waren etwas zu steil, Ablagen zu ungenau und die Bewegungen der Offensivspieler nicht konsequent genug aufeinander abgestimmt.
Dann veränderte sich das Spiel.
Schlotterbeck hatte sich bereits früh verletzt und konnte nicht mehr uneingeschränkt verteidigen oder am Aufbau teilnehmen. Gleichzeitig begann die Elfenbeinküste, ihre schnellen Flügelspieler gezielter einzusetzen.
Das 0:1 in der 30. Minute zeigte die deutsche Anfälligkeit in einer einzigen Szene.
Diomande bekam auf der linken ivorischen Angriffsseite Raum, beschleunigte gegen Kimmich und erreichte die Grundlinie. Kimmich konnte die Flanke nicht verhindern, erhielt aber auch nicht rechtzeitig die notwendige Unterstützung. Brown blockte den ersten Abschluss von Amad noch stark. Der Abpraller fiel jedoch vor die Füße des freistehenden Kessié.
Damit scheiterten drei Sicherungen nacheinander:
- Diomande wurde auf dem Flügel nicht gedoppelt.
- Der Pass in den Strafraum wurde nicht verhindert.
- Kessiés Nachrücken aus dem Mittelfeld wurde nicht aufgenommen.
Das Gegentor war deshalb nicht nur ein verlorenes Eins-gegen-eins von Kimmich. Es war das Ergebnis einer nicht vollständig durchgeschobenen Mannschaft.
Danach verlor Deutschland vorübergehend den Rhythmus. Die Elfenbeinküste verteidigte körperlich, reduzierte die Räume zwischen den Linien und zwang die deutschen Offensivspieler immer wieder in direkte Duelle.
Die Zahlen unterstreichen dieses Bild. Deutschland gewann nur 47 Prozent der Zweikämpfe. Bei den Dribblings war der Unterschied noch größer: Die deutsche Mannschaft kam auf 16 Versuche und 38 Prozent Erfolg, die Elfenbeinküste auf 33 Dribblings und 61 Prozent Erfolg.
Deutschland hatte den Ball. Die Ivorer bestimmten jedoch häufig, unter welchen Bedingungen er gespielt werden konnte.
Der vermeintliche Ausgleich durch Havertz wurde nach einem vorangegangenen Foul von Musiala ebenfalls aberkannt. Kurz vor der Pause kamen Nmecha und Wirtz noch zu Abschlüssen, ohne Fofana ernsthaft überwinden zu können.
Zur Halbzeit ersetzte Antonio Rüdiger den verletzten Schlotterbeck. Rüdiger übernahm die rechte Innenverteidigung, Tah wechselte auf die linke Seite.
Die zweite Halbzeit begann zunächst sogar mit der stärksten Phase der Elfenbeinküste. Deutschland verlor im Zentrum den Zugriff. Kessié konnte nach einer einfachen Körpertäuschung große Räume überbrücken, Inao Oulai kam aus guter Position zum Abschluss und Amad setzte Brown im direkten Duell unter Druck.
Pavlovic und Nmecha standen nun häufiger nebeneinander, ohne den ballführenden Gegenspieler rechtzeitig unter Druck zu setzen. Gleichzeitig fehlte vor ihnen eine klare Verbindung zu Havertz. Deutschland hatte weder vollständige Kontrolle über das Zentrum noch genügend Präsenz im Strafraum.
Nagelsmann reagierte nach einer Stunde mit drei Wechseln:
Undav kam für Musiala, Leweling für Sané und Amiri für Pavlovic.
Diese Wechsel veränderten nicht nur das Personal, sondern die gesamte Aufgabenverteilung.
Undav besetzte das Sturmzentrum. Havertz konnte sich nun häufiger fallen lassen und zwischen Mittelfeld und Angriff bewegen. Leweling hielt auf der rechten Seite zunächst konsequenter die Breite und suchte schneller den Weg in die Tiefe. Amiri bot sich neben Nmecha an, spielte aber beweglicher und suchte früher den vertikalen oder diagonalen Pass.
Vor allem bekam Deutschland mit Undav einen Stürmer, der nicht auf den Ball wartete, sondern Aktionen selbst einleitete und anschließend sofort in den Strafraum startete.
Das 1:1 in der 68. Minute war die direkte Folge dieser neuen Rollen.
Undav ließ sich aus dem Sturmzentrum zurückfallen, spielte Amiri an und sprintete anschließend in den Strafraum. Amiri hatte im rechten Halbraum genügend Zeit für eine präzise Flanke. Undav setzte seinen Lauf fort und vollendete aus kurzer Distanz.
Die Szene enthielt fast alles, was zuvor gefehlt hatte:
- eine klare Verbindung zwischen Mittelfeld und Angriff
- eine gegenläufige Bewegung des Mittelstürmers
- einen präzisen Ball aus dem Halbraum
- eine konsequente Besetzung des Strafraums
Deutschland spielte danach zielgerichteter. Leweling sorgte für Bewegung auf der rechten Seite, Amiri beschleunigte die Ballzirkulation und Undav band die Innenverteidiger.
Vollständig kontrolliert war die Schlussphase trotzdem nicht. Nach deutschen Ballverlusten kam die Elfenbeinküste weiterhin zu offenen Umschaltsituationen. In der 88. Minute konnte Pepé nach einem Aufbaufehler große Räume überbrücken und Adingra bedienen. Dessen schlechte Ballverarbeitung verhinderte eine klare Abschlussmöglichkeit.
Fast im Gegenzug scheiterte Brown an Fofana. In der Nachspielzeit vergab Amiri nach einem Querpass von Undav zunächst die mögliche Führung.
Das 2:1 in der 94. Minute entstand schließlich nicht durch eine Flanke oder einen zweiten Ball, sondern durch einen präzisen vertikalen Pass.
Nmecha erkannte die Lücke zwischen Außen- und Innenverteidiger und spielte Undav hinter die letzte Linie. Konan hob das Abseits auf. Undav nahm den Ball sauber an, drehte sich und schloss kontrolliert ab.
Der Siegtreffer war damit das Gegenstück zum bisherigen deutschen Angriffsspiel: kein langer Ballbesitz um den Strafraum, keine unvorbereitete Flanke, sondern ein klarer Laufweg, ein genauer Pass und ein schneller Abschluss.
Taktische Kernpunkte
1. Ballbesitz war nicht automatisch Kontrolle
Deutschland spielte 624 Pässe, brachte 89 Prozent davon an und hatte 60 Prozent Ballbesitz. Diese Zahlen beschreiben die territoriale Überlegenheit, aber nicht die tatsächliche Stabilität des Spiels.
Die Elfenbeinküste konnte Deutschland lange auf die Außenbahnen lenken und dort direkte Duelle erzwingen. Durch ihre Athletik und ihre höhere Erfolgsquote bei Dribblings konnte sie nach Ballgewinnen sofort größere Räume überwinden.
Deutschland kontrollierte häufig den Ball, aber nicht immer den nächsten Moment.
Gegen stärkere Gegner muss die Mannschaft deshalb nicht nur sauber passen. Sie muss bereits während des eigenen Angriffs so gestaffelt sein, dass ein Ballverlust nicht sofort zu einem offenen Laufduell führt.
2. Das Gegentor entstand aus einer Kette kleiner Versäumnisse
Diomandes Durchbruch gegen Kimmich war nur der sichtbare Beginn der Szene.
Entscheidend war, dass die deutsche Mannschaft nicht geschlossen zur Ballseite verschob. Der Außenverteidiger wurde im direkten Duell allein gelassen, die Hereingabe erreichte den Strafraum und Kessié konnte unbewacht nachrücken.
Gerade gegen schnelle Flügelspieler reicht es nicht, auf die individuelle Qualität des Außenverteidigers zu vertrauen. Der ballnahe Mittelfeldspieler muss entweder früh doppeln oder den Weg ins Zentrum sichern. Gleichzeitig muss die restliche Abwehrkette so verschieben, dass Hereingaben und Rückpässe aufgenommen werden.
Deutschland wusste vor dem Spiel, wo die größte Gefahr lag. Trotzdem fiel das Gegentor genau über diesen Weg.
3. Der Dreifachwechsel war eine strukturelle Korrektur
Undav, Amiri und Leweling brachten nicht einfach nur frische Beine.
Sie lösten drei konkrete Probleme:
Undav gab dem Angriff einen klaren Mittelpunkt und besetzte den Strafraum konsequenter.
Amiri spielte aus dem rechten Halbraum schneller nach vorn und lieferte die präziseste deutsche Flanke des Spiels.
Leweling hielt die rechte Seite breiter und zwang die ivorische Abwehr, größere horizontale Abstände zu verteidigen.
Dadurch konnte Havertz eine Reihe tiefer agieren und musste nicht mehr allein zwischen den Innenverteidigern arbeiten.
Die Einwechslungen erhöhten also nicht nur die Intensität. Sie veränderten die Raumaufteilung.
4. Viele Hereingaben, wenig Ertrag
Deutschland schlug 17 Flanken, von denen nur 24 Prozent einen Mitspieler erreichten. Dazu kamen acht Eckstöße, ohne dass daraus ein regulärer Treffer entstand.
Die Elfenbeinküste flankte nur sechsmal, brachte aber die Hälfte dieser Bälle an.
Das zeigt einen Unterschied zwischen Menge und Vorbereitung. Viele deutsche Hereingaben kamen aus statischen Situationen oder wurden zu nah an Torhüter Fofana geschlagen. Die Besetzung im Strafraum war zudem häufig zu leicht auszurechnen.
Beim Ausgleich war es anders: Undav leitete die Aktion selbst ein, Amiri hatte Zeit für die Hereingabe und der Stürmer erreichte den Strafraum mit Tempo. Nicht die Flanke allein war gut. Die gesamte Vorbereitung stimmte.
Blick nach vorn
Deutschland steht nach zwei Siegen sicher in der K.-o.-Runde. Durch das spätere 0:0 zwischen Ecuador und Curaçao ist auch der Gruppensieg bereits entschieden. Das letzte Gruppenspiel gegen Ecuador kann deshalb genutzt werden, um Rollen zu überprüfen und Belastungen zu steuern.
Ein bedeutender Einschnitt ist allerdings der Ausfall von Nico Schlotterbeck. Die Verletzung am linken Sprunggelenk beendet seine WM. Deutschland verliert damit nicht nur einen Innenverteidiger, sondern auch seinen stärksten linken Aufbauspieler.
Rüdiger ist der naheliegende Ersatz, interpretiert die Rolle aber anders. Er verteidigt aggressiver nach vorn, sucht häufiger das direkte Duell und bringt viel Energie in die Mannschaft. Schlotterbecks diagonale Eröffnungspässe und sein ruhiger Aufbau von der linken Seite lassen sich damit jedoch nicht vollständig ersetzen.
Gegen Ecuador sollte Nagelsmann deshalb mehrere Fragen klären:
Kann Tah auf der linken Innenverteidigerposition den Spielaufbau übernehmen?
Wie wird Rüdigers aggressives Herausrücken abgesichert?
Benötigt Deutschland gegen schnelle Flügel grundsätzlich mehr Unterstützung für Kimmich und Brown?
Und ist Undav inzwischen mehr als nur der perfekte Joker?
Die Partie gegen die Elfenbeinküste hat außerdem gezeigt, dass die deutsche Mannschaft zwei verschiedene Offensivordnungen benötigt.
Die bewegliche Kombination aus Musiala, Wirtz und Havertz kann gegen tief stehende Gegner Räume öffnen. Gegen körperlich starke und kompakte Abwehrreihen kann jedoch ein klarer Strafraumstürmer notwendig sein, der Innenverteidiger bindet, Laufwege in die Tiefe anbietet und zweite Bälle verarbeitet.
Deutschland hat mit Undav diese Alternative. Sie sollte nicht erst dann genutzt werden, wenn ein Spiel bereits zu kippen droht.
Die Kür
Schlüsselspieler
Deniz Undav war mit seinen beiden Toren der Matchwinner. Noch wichtiger als die Abschlüsse war jedoch die Art, wie er das deutsche Angriffsspiel veränderte.
Vor dem 1:1 ließ er sich zurückfallen, verband das Mittelfeld mit dem Angriff und startete anschließend sofort in den Strafraum. Vor dem 2:1 erkannte er die Lücke hinter der Abwehr und verarbeitete Nmechas Pass unter höchstem Druck.
Felix Nmecha war der stärkste deutsche Spieler aus der Startelf. Er übernahm Verantwortung im Aufbau, gewann wichtige Bälle und spielte schließlich den entscheidenden Pass. Seine Leistung war allerdings nicht fehlerfrei. Bei der Absicherung der rechten Seite und in einzelnen Umschaltsituationen fehlte auch ihm die letzte Konsequenz.
Nathaniel Brown bestätigte, dass er auf diesem Niveau bestehen kann. Er verteidigte aufmerksam, blockte beim Gegentor zunächst den Abschluss von Amad und schaltete sich in der Schlussphase mutig nach vorn ein.
Gegnervergleich
Curaçao verteidigte tief und ließ Deutschland die gesamte Spielanlage bestimmen.
Die Elfenbeinküste konnte dagegen selbst Einfluss auf Rhythmus und Richtung des Spiels nehmen. Sie gewann mehr direkte Duelle, attackierte offene Flügelräume und zwang Deutschland zu Entscheidungen unter körperlichem und zeitlichem Druck.
Das 7:1 im ersten Gruppenspiel zeigte, wie Deutschland einen klar unterlegenen Gegner bespielen kann.
Das 2:1 gegen die Elfenbeinküste zeigte erstmals, wie die Mannschaft reagiert, wenn der Gegner eigene Stärken durchsetzt und der ursprüngliche Plan nicht genügt.
Diese zweite Erkenntnis ist für eine K.-o.-Runde wertvoller.
Was sich ändern muss
Die Außenverteidiger dürfen gegen schnelle Flügelspieler nicht dauerhaft allein gelassen werden.
Nach Ballverlusten muss der erste Zugriff früher erfolgen. Gelingt das Gegenpressing nicht, muss die Mannschaft schneller in eine kompakte Sicherungsordnung zurückkehren.
Im letzten Drittel braucht Deutschland weniger gleichförmige Flanken und mehr vorbereitete Läufe aus dem Rücken der Abwehr.
Bei Standards müssen die Hereingaben variabler und präziser werden. Acht Ecken ohne Ertrag sind gegen eine körperlich starke Mannschaft kein Zufall.
Zudem sollte die Rollenverteilung im Angriff früher an den Gegner angepasst werden. Havertz und Undav sind keine identischen Spielertypen. Gerade deshalb können sie einander ergänzen.
Offene Fragen
Beginnt Undav gegen Ecuador erstmals von Beginn an?
Kann Havertz hinter einem echten Mittelstürmer mehr Einfluss auf das Spiel nehmen?
Bleibt Pavlovic der bevorzugte absichernde Mittelfeldspieler, obwohl Amiri dem Aufbau nach seiner Einwechslung mehr Tempo gab?
Wie verändert Schlotterbecks Ausfall den Spielaufbau und die Hierarchie in der Innenverteidigung?
Und war der Dreifachwechsel eine Lösung nur für diesen Abend - oder der Beginn einer zweiten deutschen Grundordnung für die K.-o.-Runde?
Redaktionelle Bearbeitung: ji · Elf & Ordnung