Die großen Fußballnationen vor dem Spiegel
Die Weltmeisterschaft zeigte, wer eine Mannschaft besaß – und wer vor allem noch von seiner Vergangenheit lebte.
Warum dasselbe Ergebnis in Spanien, Argentinien, Frankreich, Deutschland, England oder Brasilien etwas völlig anderes bedeutet.
Dasselbe 0:0 erzählte zwei völlig verschiedene Geschichten.
Für Kap Verde war das Unentschieden gegen Spanien ein historischer Erfolg. Der WM-Neuling hatte dem Europameister und späteren Weltmeister standgehalten, einen Punkt gewonnen und der Fußballwelt gezeigt, dass er auf dieser Bühne mitspielen konnte.
Für Spanien war dieses 0:0 zunächst ein Problem.
Auf derselben Anzeigetafel stand dasselbe Ergebnis. Für die einen war es der Beginn einer eigenen, positiven WM-Geschichte, für die anderen eine Warnung. Ein dezenter Hinweis, etwas ändern zu müssen.
Darin liegt der Unterschied zwischen kleinen und großen Fußballnationen. Die einen müssen bei einer Weltmeisterschaft häufig erst beweisen, dass sie auf diese Bühne gehören. Von den anderen wird erwartet, dass sie die Bühne beherrschen.
Das ist nicht gerecht, aber es ist auch Teil ihres Selbstverständnisses. Deutschland fährt nicht zu einer WM, um einen historischen Punkt zu gewinnen. Brasilien kann ein Achtelfinale nicht als wertvolle Erfahrung verkaufen. Frankreich besitzt so viele herausragende Spieler, dass selbst ein Halbfinale Erklärungen verlangt. Und in England wird jeder gute Turnierverlauf zuverlässig in die Frage verwandelt, warum es am Ende wieder nicht gereicht hat. An Potenzial mangelte es auch diesmal nicht. Warum davon im entscheidenden Moment nicht mehr Ampere in die Offensive flossen, haben wir in Teil 3 der Artikelserie beschrieben.
Große Fußballnationen reisen deshalb nie allein an. Sie bringen frühere Titel, alte Niederlagen, nie ganz beendete Trainerdebatten und die Erwartung mit, Geschichte sei eine Art sportliches Guthaben – und die kleinen Fußballnationen müssten sich schon aus Demut mit einer Nebenrolle begnügen.
Diese Weltmeisterschaft hielt ihnen einen Spiegel vor.
Nicht allen gefiel das Bild.
Spanien besaß eine Gegenwart
Spanien war die einzige große Fußballnation, die ihr Selbstbild nicht mühsam aus der Vergangenheit zusammensetzen musste.
Die Mannschaft kam als Europameister, blieb während des gesamten Turniers ungeschlagen und gewann das Finale gegen Argentinien mit 1:0 nach Verlängerung. Was beim 0:0 gegen Kap Verde noch wie ein altes spanisches Problem gewirkt hatte, wurde im Verlauf des Turniers zu einer Stärke: Spanien blieb seiner Spielidee treu, setzte sie aber je nach Gegner mit unterschiedlichen Mitteln um.
Im Endspiel brauchte die Mannschaft bis zur 106. Minute, um ihre Überlegenheit in ein Tor zu verwandeln. Zwanzig Abschlüsse, zwölf davon auf das Tor, standen einem argentinischen Gegner gegenüber, der in der regulären Spielzeit keinen einzigen Schuss abgab.
Das war kein rauschendes Finale.
Es war eher eine ziemlich gründliche Beweisaufnahme.
Spanien gewann nicht, weil es das alte Ideal eines endlosen Ballbesitzes restauriert hatte. Diese Mannschaft konnte den Ball kontrollieren, aber auch das Tempo verändern. Sie konnte Gegner mit langen Passfolgen ermüden, über die Flügel auseinanderziehen oder ein Spiel durch Einwechslungen neu öffnen.
Rodri gab dem Spiel Ordnung. Lamine Yamal und Nico Williams verliehen ihm Breite und Unberechenbarkeit. Mikel Oyarzabal, Mikel Merino und Ferran Torres zeigten, dass eine Weltmeistermannschaft nicht nur aus ihren größten Namen besteht, sondern aus Lösungen für unterschiedliche Spiele.
Vielleicht lag darin Spaniens wichtigste Stärke: Das Land diskutierte nicht fortwährend darüber, ob diese Mannschaft noch spanisch genug spiele. Sie spielte einfach einen Fußball, der zu ihren Fähigkeiten passte.
Zugleich erzählte der Kader von einem Spanien, das vielfältiger war als manches traditionelle Bild der Nation. Lamine Yamal trug die Geschichte Rocafondas und seiner marokkanischen und äquatorialguineischen Familie auf den Platz. Nico Williams die seiner ghanaischen Eltern. Neben ihnen standen Basken, Katalanen, Galicier, Andalusier und Spieler aus anderen Regionen, deren politische und kulturelle Unterschiede im Alltag keineswegs immer so harmonisch wirken.
Spanien wurde als erstes Land gleichzeitig Weltmeister bei den Frauen und den Männern. Die Sterne auf den Trikots erzählten deshalb nicht nur von vergangenen Erfolgen.
Sie beschrieben Spaniens Gegenwart.
Argentinien verteidigte seinen Mythos
Argentinien erreichte erneut das Finale. Schon das war für eine Mannschaft, deren Kreativität fast vollständig an Messi hing, eine gewaltige Leistung.
Die Mannschaft gewann alle drei Gruppenspiele, überstand gegen Kap Verde eine Verlängerung, drehte gegen Ägypten in den letzten Minuten einen 0:2-Rückstand, bezwang die Schweiz nach Verlängerung und entriss England im Halbfinale mit zwei späten Toren noch den Sieg.
Lionel Messi schrieb weiter an einer Geschichte, die eigentlich bereits 2022 vollständig erzählt schien. Mit acht Toren und vier Vorlagen wurde er noch einmal zum sportlichen und emotionalen Mittelpunkt einer Mannschaft, die sich vollständig um ihn versammelte.
Doch Argentinien zeigte auch die schwierige Seite seines Selbstbildes.
Die Mannschaft verstand Widerstand gelegentlich nicht nur als sportliche Haltung, sondern als Dauerzustand. Diskussionen, Härte, Provokationen und Beschwerden gehörten zu ihrem Turnier. Nach dem Halbfinale gegen England hielten Spieler ein politisches Banner zum Streit um die Falklandinseln hoch. Nach dem Finale endete die Enttäuschung in einem größeren Handgemenge, das nun die FIFA beschäftigt.
Argentinien kultivierte die Rolle einer Mannschaft, die gegen den Gegner, die Umstände und notfalls gegen den Rest der Welt zusammensteht. Diese Haltung kann ungeheure Kräfte freisetzen. Sie kann aber auch den Moment erzeugen, in dem der Kampf um das Spiel wichtiger wird als das eigene Spiel.
Im Finale zog sich Argentinien so weit zurück, dass aus Widerstand Verweigerung wurde. Der Titelverteidiger versuchte nicht, Spanien sein Spiel aufzuzwingen. Er versuchte vor allem, das spanische Spiel zu verhindern.
Das funktionierte 105 Minuten lang.
Dann traf Ferran Torres.
Argentinien verlor nicht, weil ihm Leidenschaft fehlte. Vielleicht verlor es, weil Leidenschaft und Störung irgendwann die Stelle einer eigenen spielerischen Idee eingenommen hatten.
In Buenos Aires endete der Abend zunächst in Stille. Trotzdem versammelten sich später Tausende am Obelisken. Für manche hatte bereits der Halbfinalsieg gegen England einen eigenen historischen Wert besessen. Die Niederlage tat weh, löschte den Stolz aber nicht aus.
Argentinien verließ diese Weltmeisterschaft deshalb nicht als gescheiterte Mannschaft.
Es verließ sie als große Mannschaft, die im letzten Spiel zu wenig Fußball spielen wollte.
Frankreichs Niederlage war das Ende einer Zeit
Frankreich erreichte das Halbfinale. Kylian Mbappé erzielte zehn Tore und wurde mit insgesamt 22 Treffern zum erfolgreichsten WM-Torschützen der Geschichte.
Normalerweise müsste das für ein positives Turnierfazit genügen.
Doch Frankreich war unter Didier Deschamps längst in einer anderen Größenordnung angekommen. Die Mannschaft hatte 2018 den Titel gewonnen, 2022 erneut das Finale erreicht und sich über viele Jahre eine Selbstverständlichkeit erarbeitet, mit der Halbfinals fast wie ein Mindeststandard wirkten.
Auch 2026 gewann Frankreich zunächst sechs Spiele nacheinander und erzielte 16 Tore. Dann kam die erste Mannschaft, die Frankreich nicht nur beschäftigte, sondern ihm die Bedingungen des Spiels diktierte.
Gegen Spanien verlor Frankreich das Halbfinale mit 0:2. Im Spiel um Platz drei folgte ein 4:6 gegen England, nachdem die Mannschaft zur Pause bereits 0:4 zurückgelegen hatte.
Deschamps bezeichnete diese erste Halbzeit als inakzeptabel und übernahm die Verantwortung. Danach endete wie angekündigt seine 14 Jahre dauernde Amtszeit.
Der französische Spiegel zeigte keinen Mangel an Talent. Frankreich besitzt weiterhin vielleicht den tiefsten Kader des Weltfußballs. Selbst Ausfälle lassen sich häufig mit Spielern ersetzen, um die herum andere Nationalmannschaften ihre gesamte Spielidee bauen würden.
Das Problem lag weniger im Talent als in einem Selbstverständnis, das individuelle Klasse und pragmatische Ordnung zu lange mit einer funktionierenden Mannschaft verwechselte.
Deschamps hatte Frankreich Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und einen Weltmeistertitel gegeben. Seine pragmatische Art trug die Mannschaft durch sehr unterschiedliche Turniere. Gegen Ende wirkte dieselbe Ordnung jedoch wie ein Raum, in dem große Spieler nebeneinanderstanden, aber kaum noch als Einheit agierten.
Mbappés Rekord machte diesen Widerspruch sichtbar. Frankreich besaß den erfolgreichsten WM-Torschützen der Geschichte und fuhr trotzdem mit zwei Niederlagen nach Hause.
Eine große individuelle Zukunft war längst da.
Die gemeinsame nächste Geschichte musste erst noch geschrieben werden.
England war Dritter und blieb unzufrieden
England erreichte sein bestes WM-Ergebnis seit dem Titel von 1966.
Die Mannschaft wurde Dritter, besiegte Frankreich im kleinen Finale mit 6:4 und zeigte während des Turniers, dass sie selbst Spiele gewinnen konnte, in denen vieles gegen sie lief. Sie drehte die Partie gegen die DR Kongo, überstand mit zehn Spielern das Achtelfinale gegen Mexiko und bezwang Norwegen im Viertelfinale nach Verlängerung.
In vielen Ländern wäre daraus eine Erfolgsgeschichte entstanden.
In England entstand zunächst eine Trainerdebatte.
Der Grund lag im Halbfinale gegen Argentinien. England ging kurz nach der Pause in Führung, zog sich danach aber immer weiter zurück. Von Anthony Gordons Tor bis zum argentinischen Siegtreffer 38 Minuten später besaß die Mannschaft nur noch zwölf Prozent Ballbesitz.
Aus Kontrolle wurde Passivität, aus Absicherung eine Einladung.
Argentinien glich in der 85. Minute aus und erzielte in der Nachspielzeit das 2:1. Thomas Tuchel sprach anschließend nicht von einem Fluch. Das war vernünftig. England scheiterte nicht an Geistern, der Geschichte oder irgendeinem seit 1966 über dem Land liegenden Zauber.
Es scheiterte an einer Entscheidung.
Tuchel setzte nach der Führung auf defensive Wechsel und erklärte später, er habe keine offensive Einwechslung gesehen, die der Mannschaft geholfen hätte. Bukayo Saka hatte im Halbfinale nicht in der Startelf gestanden. Drei Tage später erzielte er gegen Frankreich drei Tore.
Plötzlich zeigte dieselbe Mannschaft, wie viel Angriff in ihr steckte.
Der dritte Platz war deshalb Erfolg und Anklage zugleich.
England bewies, dass es zu den besten Mannschaften des Turniers gehörte.
Es spielte nur im wichtigsten Moment nicht mehr so.
Deutschland kann nicht mehr von einem Unfall sprechen
Deutschland schied im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus.
Nach 120 Minuten stand es 1:1. Im Elfmeterschießen verschossen Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah. Zum ersten Mal verlor eine deutsche Mannschaft ein WM-Elfmeterschießen.
Man könnte daraus eine Geschichte über Nerven, Pech und die besondere Grausamkeit des Strafstoßes machen.
Das wäre bequem.
Denn das Elfmeterschießen war nur das Ende eines Spiels, in dem Deutschland sehr viel Ballbesitz, sehr viele Pässe und zu wenige Lösungen besaß. Die Mannschaft kam auf 75 Prozent Ballbesitz und 21 Abschlüsse, brachte in der gesamten ersten Halbzeit aber keinen einzigen Schuss auf das Tor.
Paraguay verteidigte tief, wartete auf Fehler und setzte auf seine wenigen Umschaltmomente. Nichts daran war überraschend.
Deutschland wurde nicht von einem unbekannten Plan überfallen.
Es scheiterte an einem bekannten.
Julian Nagelsmann analysierte nach schwachen Spielen häufig sehr präzise, was seine Spieler in der Ausführung nicht gut gemacht hatten. Seltener beantwortete er die Frage, ob vielleicht schon der Plan falsch oder zumindest unvollständig gewesen war.
Gegen Paraguay kehrte dieses Problem wieder. Deutschland kontrollierte den Ball, aber nicht die Bedeutung seiner Ballbesitzphasen. Die Mannschaft bewegte den Gegner, ohne ihn ausreichend zu zwingen. Gleichzeitig blieb sie bei Ballverlusten anfällig für genau jene Umschaltsituationen, die bereits während der Gruppenphase sichtbar gewesen waren.
Nagelsmann sagte nach dem Ausscheiden, Deutschland sei keine erstklassige Fußballmannschaft.
Wenige Tage später trat er zurück.
Damit endete nicht nur ein Turnier. Es endete auch der Versuch, die vergangenen Jahre weiterhin als eine Reihe vorübergehender Störungen zu behandeln. Auf die Vorrundenausfälle von 2018 und 2022 folgte nun das Ausscheiden in der ersten K.-o.-Runde. Deutschland hat seit 2016 bei fünf großen Turnieren kein Halbfinale mehr erreicht.
Inzwischen hat Jürgen Klopp die Aufgabe übernommen. Bei seiner Vorstellung unterschied er sinngemäß zwischen dem kurzfristigen Ziel, das nächste Turnier gewinnen zu wollen, und dem grundsätzlicheren Ziel, Deutschland wieder zu einem logischen Kandidaten für einen Turniersieg zu machen.
Das ist fast die exakte Beschreibung des Problems.
Die vier Sterne auf dem Trikot sind Geschichte.
Sie sind keine Mitgliedskarte für die Weltspitze.
Brasilien suchte wieder einen Erlöser
Brasilien hatte Carlo Ancelotti jahrelang umworben, als trage der Italiener den Schlüssel zum sechsten WM-Titel bereits in seiner Jackentasche.
Ancelotti brachte Ruhe, Erfahrung und internationale Autorität. Aber selbst einer der erfolgreichsten Vereinstrainer der Geschichte konnte in einem Jahr nicht ersetzen, was dem brasilianischen Fußball über Jahre gefehlt hatte: eine stabile sportliche Linie.
Im Achtelfinale gegen Norwegen besaß Brasilien nur 34 Prozent Ballbesitz – der niedrigste erfasste Wert der Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft seit 1966. Erling Haaland erzielte zwei späte Tore, Neymar traf nur noch per Strafstoß zum 1:2.
Zum ersten Mal seit 1990 verpasste Brasilien das Viertelfinale. Seit dem fünften Titel 2002 waren nun sechs Weltmeisterschaften vergangen.
Brasilien leidet dabei nicht unter einem Mangel an guten Fußballern. Das Land produziert weiterhin herausragende Einzelspieler. Aber es verwechselt deren Existenz gelegentlich mit der Existenz einer Mannschaft.
Vor jedem Turnier wird nach dem einen Spieler, dem einen Trainer oder der einen taktischen Idee gesucht, die Brasilien wieder mit seiner eigenen Vergangenheit verbinden soll. Mal war es Neymar, mal die Rückkehr zu vermeintlich brasilianischer Leichtigkeit, diesmal Ancelotti.
Doch eine Nationalmannschaft lässt sich nicht durch Erinnerung aufstellen.
Der Verband kündigte nach dem Ausscheiden an, mit Ancelotti weiterzuarbeiten und einen größeren Neuaufbau zu beginnen. Vielleicht war das die vernünftigste brasilianische Nachricht des Turniers.
Nicht jeder Erlöser muss sofort entlassen werden, nur weil er kein Wunder vollbracht hat.
Italien sah den Spiegel nur im Fernsehen
Italien nahm an dieser Weltmeisterschaft gar nicht teil.
Zum dritten Mal hintereinander scheiterte der viermalige Weltmeister in der Qualifikation. Seit dem Titelgewinn von 2006 hat Italien bei einer WM nur noch ein einziges Spiel gewonnen.
Ein Turnier mit 48 Mannschaften fand ohne Italien statt.
Deutlicher kann ein historischer Name seinen sportlichen Anspruch kaum verlieren.
Nach dem erneuten Scheitern wurden die üblichen Forderungen laut: neuer Trainer, neue Verbandsführung, bessere Nachwuchsarbeit, weniger ausländische Spieler in der Liga, mehr Geduld und gleichzeitig sofortige Ergebnisse.
Das alles war schon nach 2018 und 2022 gesagt worden.
Italiens Problem ist deshalb nicht mangelnde Erkenntnis. Es ist die merkwürdige Fähigkeit, dieselben Erkenntnisse immer wieder wie Neuigkeiten zu behandeln.
Während Kap Verde, Curaçao, Jordanien und Usbekistan erstmals ihre Fahnen auf einer WM-Tribüne sahen, saß Italien zu Hause.
Die erweiterte Weltmeisterschaft hatte mehr Platz geschaffen.
Selbst dieser Platz reichte nicht.
Ronaldo erreichte fast jedes Ziel – nur dieses nicht
Auch Portugal hielt einen Spiegel bereit. Er zeigte vor allem, wie vollständig sich die Geschichte einer Mannschaft über zwei Jahrzehnte mit der Geschichte eines einzelnen Spielers verbinden kann.
Cristiano Ronaldo bestritt mit 41 Jahren seine sechste Weltmeisterschaft. Gegen Usbekistan wurde er zum ersten Spieler, der bei sechs WM-Turnieren traf. Im Sechzehntelfinale gegen Kroatien erzielte er erstmals ein Tor in einem WM-K.-o.-Spiel.
Dann kam Spanien.
Portugal hielt die Partie bis in die Nachspielzeit offen, ehe Mikel Merino in der 91. Minute das 1:0 erzielte. Ronaldo verließ die letzte Weltmeisterschaft seiner Karriere im Achtelfinale.
Seine Rekorde sind außergewöhnlich. Seine Bedeutung für Portugal ist kaum zu überschätzen. Er gewann mit der Nationalmannschaft die Europameisterschaft und die Nations League.
Nur die Weltmeisterschaft ließ sich nicht erobern.
Vielleicht liegt darin keine Tragödie, sondern eine notwendige Erinnerung. Selbst die größten Spieler können nicht jeden Wettbewerb ihrem Lebenslauf hinzufügen. Fußball bleibt ein Mannschaftssport, auch wenn seine Vermarktung sehr hartnäckig das Gegenteil behauptet.
Portugal muss nun herausfinden, wie eine Mannschaft aussieht, die Ronaldo nicht mehr automatisch in ihrer Mitte trägt.
Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten beginnt ihre Geschichte ohne die Gewissheit, dass er die Hauptrolle übernimmt.
Größe ist kein Besitzstand
Die Weltmeisterschaft sortierte ihre Mannschaften am Ende sehr eindeutig.
Spanien wurde Weltmeister. Argentinien Zweiter. England Dritter, Frankreich Vierter. Deutschland scheiterte im Sechzehntelfinale, Brasilien und Portugal im Achtelfinale, Italien bereits vor dem Turnier.
Doch Platzierungen allein erklären nicht, was diese Länder in ihrem Spiegel sahen.
Spanien erkannte eine Mannschaft, deren Spielidee und Gegenwart zusammenpassten. Argentinien sah, wie weit emotionale Widerstandskraft tragen kann – und wo sie ohne eigenen Angriff endet. Frankreich verabschiedete eine erfolgreiche, aber verbrauchte Epoche. England fand erneut den Moment, in dem Mut in Vorsicht umschlug. Deutschland musste akzeptieren, dass aus wiederholtem Scheitern irgendwann ein Zustand wird. Brasilien erkannte, dass ein großer Trainername keinen Neuaufbau ersetzt. Italien sah, dass selbst ein vergrößertes Turnier keinen Platz für bloße Erinnerung reserviert. Und Portugal stand am Ende einer Epoche, in der ein außergewöhnlicher Spieler fast mit der Mannschaft selbst verwechselt worden war.
Große Fußballnationen bleiben groß, weil viele Menschen ihre Geschichte kennen.
Sie bleiben aber nur gut, wenn sie eine Gegenwart besitzen.
Diese Weltmeisterschaft öffnete neuen Ländern die Tür und stellte die alten vor den Spiegel. Manche entdeckten darin eine Mannschaft. Andere sahen vor allem die Umrisse dessen, was sie einmal gewesen waren.
Doch weder die neuen Länder noch die alten Fußballmächte bestimmten allein, wie dieses Turnier aussah.
Die Bühne, auf der sie spielten, war längst gebaut, verkauft und bis in die letzte Unterbrechung vermarktet worden.
Hinter dem Fest arbeitete eine Maschine. Von ihr handelt Teil 7 unserer Artikelserie über die WM 2026.
Redaktionelle Bearbeitung: ji · Elf & Ordnung