Deutschland - Finnland 4:0: Die neue Struktur ist sichtbar - beweisen muss sie sich noch
Vor dem Spiel gegen Finnland standen zwei Fragen über der deutschen Vorbereitung. Die erste betraf Manuel Neuer und die Defensive. Die zweite betraf die Offensive nach dem Ausfall von Serge Gnabry.
Nach dem 4:0 in Mainz ist eine dieser Fragen etwas klarer geworden. Die andere bleibt offen.
Das geplante Comeback von Manuel Neuer im DFB-Tor fand gegen Finnland noch nicht statt - Oliver Baumann spielte. Neuer wurde noch nicht in die Spielbelastung zurückgeführt. Damit wurde die erste offene Achse nicht geprüft: Wie Neuer hinter Kimmich, Tah, Schlotterbeck und Raum oder Brown kommuniziert, wie er eine hoch stehende Mannschaft absichert und ob seine Rückkehr sofort Stabilität bringt, bleibt eine Aufgabe für den letzten Test gegen die USA.
Vorne dagegen bekam der neue Ansatz ein Gesicht.
Nagelsmann stellte nicht einfach irgendeine Offensive auf. Mit Lennart Karl rechts, Jamal Musiala im Zentrum, Florian Wirtz als verbindendem Spieler und Deniz Undav in der Spitze wurde eine mögliche Antwort auf Gnabrys Fehlen sichtbar. Nicht als Eins-zu-eins-Ersatz, sondern als neue Verteilung der Aufgaben.
Gnabry fehlte in der bisherigen Ordnung nicht nur als Name. Er fehlte als Verbindungsspieler zwischen Mittelfeld, Halbraum und Spitze. Genau dort musste Deutschland gegen Finnland eine neue Lösung finden. Karl gab rechts Tiefe und Mut. Musiala brachte enge Ballführung in den Zwischenlinienraum. Wirtz blieb der Spieler, der Angriffe verbinden und beschleunigen kann. Und Undav zeigte, dass eine Spitze nicht zwingend Gardemaß braucht, um im Strafraum Wirkung zu entfalten.
Zwei Tore und eine Vorlage sind zunächst einmal Zahlen. Wichtiger war, wie Undav in diese Mannschaft passte: anspielbar, wach, mit dem nötigen Zug zum Tor und sprichwörtlicher Stabilität im Zweikampf.
Dennoch war dieses Spiel keine 90-minütige Beweisführung für eine fertige Startelf gegen Curaçao - und erst recht keine Antwort auf den letzten Test gegen die agilen und schnellen US-Amerikaner.
In der ersten Halbzeit hatte Deutschland viel Ballbesitz, aber nicht immer Tempo. Finnland verteidigte tief, Deutschland suchte Lücken, fand sie aber nicht sofort. Genau diese Phase ist für die Analyse wichtiger als das klare Ergebnis. Gegen Curaçao wird Deutschland vermutlich wieder viel Ballbesitz haben, Geduld brauchen und trotzdem die Restverteidigung nicht öffnen dürfen.
Nach der Pause wurde das deutsche Spiel wirksamer. Undav setzte sich durch und veredelte Aktionen, Wirtz traf, Karl bereitete vor, Musiala setzte den Schlusspunkt. Das 4:0 war deshalb kein Zufall, aber auch kein endgültiger Nachweis: Finnland stellte Deutschland nicht dauerhaft unter Druck. Die Mannschaft musste kaum längere Phasen verteidigen, kaum offene Räume gegen schnelle Gegenstöße schließen und kaum zeigen, wie stabil sie bleibt, wenn der Gegner höher presst.
Das ist der Unterschied zwischen Finnland und den USA.
Gegen Finnland konnte Nagelsmann sehen, ob die neue offensive Rollenverteilung funktioniert. Gegen die USA muss sichtbar werden, ob sie auch unter mehr Tempo, mehr Körperlichkeit und mehr Umschalten hält. Erst dann lässt sich besser einschätzen, ob diese Ordnung für den WM-Auftakt gegen Curaçao trägt.
Daher fällt diese Nachlese zweigeteilt aus.
Wurde der Gnabry-Ausfall durch eine neue Lösung tragfähig aufgefangen? Diese Frage lässt sich nach einem Test gegen Finnland noch nicht abschließend beantworten. Der gewählte Ansatz liefert aber schon mehr Antworten als neue Fragen. Karl, Musiala, Wirtz und Undav ergaben keine Kopie der bisherigen Rollenverteilung, sondern eine neue Struktur. Das ist positiv. Wenn mehrere Spieler die Aufgaben eines fehlenden Verbindungsspielers aufnehmen, wird die deutsche Offensive für den Gegner schwerer auszurechnen.
Dabei bleibt wichtig: Dieser Test war nicht nur eine Bewerbung von Undav. Er war auch eine Vorbereitung auf den nächsten Wechsel innerhalb des Gefüges. Kai Havertz wird in den USA wieder zur Mannschaft stoßen und dürfte gegen die USA eine zentrale Rolle einnehmen. Wenn Havertz die Position von Undav übernimmt und David Raum hinten links wieder für mehr Erfahrung, Tiefe und Flankenspiel sorgt, kann Nagelsmann prüfen, ob der Ansatz auch mit verändertem Personal trägt.
Genau darin liegt ein möglicher Wert dieser beiden Testspiele. Gegen Finnland funktionierte die Variante mit Undav und Brown. Gegen die USA könnte eine Variante mit Havertz und Raum folgen. Wenn beide Varianten funktionieren, hätte Nagelsmann nicht nur eine Startelf gefunden, sondern ein belastbares Gefüge mit Wechseloptionen. Dann könnte er Spieler schonen, auf Gegner reagieren oder während eines Spiels nachschärfen, ohne die Grundstruktur aufzugeben.
Die Neuer-Frage dagegen bleibt offen. Baumann spielte solide in einem Spiel, das ihn kaum ernsthaft forderte. Die eigentliche Prüfung war aber nicht Baumann gegen Finnland, sondern bleibt Neuer hinter der vermuteten Turnierabwehr.
Damit bleibt der Finnland-Test ein wichtiger, aber begrenzter Schritt. Nagelsmanns neuer Ansatz wurde sichtbar. Gegen die USA muss er Belastung aushalten. Gegen Curaçao muss er dann zum ersten Mal unter WM-Druck tragen.
Redaktionelle Bearbeitung: ji · Elf & Ordnung