Das Versprechen
Sechs Länder, sechs verschiedene Morgen – und die Frage, ob das Mehr den Fußball reicher machte
Die größte Weltmeisterschaft der Geschichte wollte den Fußball globaler und gerechter machen. Es beginnt mit dem Morgen danach – in Spanien, Argentinien, Frankreich, Deutschland, Kap Verde und den USA.
Der Prolog: Sechs Länder, sechs verschiedene Morgen
Am Morgen danach erwacht Spanien als Weltmeister. Vielleicht ist „erwacht“ nicht einmal das richtige Wort. In Madrid, Barcelona, Sevilla und den vielen Städten dazwischen dürfte die Nacht kaum stattgefunden haben. Noch einmal Weltmeister, sechzehn Jahre nach Südafrika. Wieder steht Spanien an der Spitze des Fußballs, aber diesmal ist es nicht die alte Mannschaft von 2010, die in den Erinnerungen weiterlebt. Gestern wurden neue Erinnerungen geschrieben.
Es ist eine neue Generation, mit einer eigenen Geschichte und einer Spielidee, die das Turnier nicht nur überstanden, sondern am Ende geprägt hat. Die Offensive gewinnt das Spiel und die Defensive das Turnier - nicht neu, aber neu interpretiert.
In der Verlängerung des Finales erzielte Ferran Torres das einzige Tor gegen Argentinien. Spanien gewann 1:0 und holte seinen zweiten Weltmeistertitel. Was in diesem Moment wie die Entscheidung eines einzigen Spiels aussah, war zugleich der Schlusspunkt einer längeren Entwicklung. Der Europameister ist nun auch Weltmeister. Aus dem Versprechen einer Generation könnte nun eine Epoche entstehen.
In Buenos Aires beginnt derselbe Morgen anders. Vor dem Obelisken stehen noch Menschen in den hellblau-weißen Trikots. Einige trauern, andere bleiben, obwohl es nichts mehr zu feiern gibt. Argentinien wollte den Titel von 2022 verteidigen, wollte Lionel Messi noch einmal den Pokal überreichen und wollte sich selbst bestätigen, dass das Wunder von Katar kein einzelner Turniersieg, kein Ausrutscher war.
Am Morgen danach bleibt für viele Argentinier zunächst nur die Niederlage. Aber es bleibt auch eine Mannschaft, die Kap Verde, Ägypten, die Schweiz und England bezwang und erneut bis zum letzten Spiel einer Weltmeisterschaft kam. Der Schmerz ist echt, doch er löscht das Turnier nicht aus. In East Rutherford endete der argentinische Traum. Nicht aber der Stolz auf eine Mannschaft, die diesen Traum noch einmal möglich gemacht hatte.
In Frankreich sucht man an diesem Morgen immer noch nach einer Erklärung. Eine Mannschaft voller außergewöhnlicher Spieler war erneut weit gekommen. Sie hatte das Halbfinale erreicht und damit objektiv ein erfolgreiches Turnier gespielt. Und doch war sie gegen Spanien auf eine Weise ausgeschieden, die ein anderes Gefühl hinterließ als Stolz. Frankreich hatte nicht nur verloren. Es hatte trotz all seiner Möglichkeiten keinen Weg mehr gefunden, Spanien ernsthaft zu bedrängen.
Das ist die besondere Last der großen Fußballnationen: Erfolg beginnt dort nicht mit dem Erreichen eines Halbfinales. Er beginnt erst dort, wo andere Mannschaften bereits von einem historischen Turnier sprechen würden. Für Frankreich war diese Weltmeisterschaft deshalb beides zugleich – ein weiterer Beweis seiner sportlichen Stärke und eine Enttäuschung, die gerade wegen dieser Stärke so schwer wog.
Deutschland verfolgt diesen Morgen aus noch größerer Entfernung. Drei Wochen sind vergangen, seit die Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay ausgeschieden ist. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden, im Elfmeterschießen gewann Paraguay mit 4:3. Deutschland verlor ein Elfmeterschießen! Dieses Ereignis muss Deutschland erst einmal verarbeiten. Die zahlenmäßig sowieso unterlegenen deutschen Auto-Fähnchen verschwanden wieder in der Mottenkiste der Freude. Während andere Mannschaften noch durch Nordamerika reisten, Halbfinals bestritten und ihre Geschichte weiterschrieben, war die Geschichte der deutschen Mannschaft bereits beendet.
Für Deutschland ist das frühe Ausscheiden inzwischen nicht mehr nur ein einzelner Betriebsunfall. Es fügt sich in eine Reihe von Turnieren ein, nach denen dieselben Fragen gestellt werden: nach der Qualität der Spieler, nach dem Trainer, nach der Ausbildung, nach der Mentalität und nach dem Verhältnis zwischen dem eigenen Anspruch und der tatsächlichen Stellung im Weltfußball.
Früher erschütterte eine schlechte Weltmeisterschaft das deutsche Selbstverständnis. Inzwischen gehört die Erschütterung fast selbst zum Selbstverständnis. Der deutsche Fußball am Boden, der deutsche Autobau steht vor schwierigen Zeiten. What's next?
Auf Kap Verde ist es mittlerweile ruhig geworden. Die Mannschaft ist längst zurückgekehrt. Am Flughafen von Praia wurde sie begeistert empfangen, obwohl sie ihr letztes Spiel verloren hatte. Oder vielmehr: weil die Menschen verstanden hatten, dass diese Niederlage nicht das Entscheidende war. Kap Verde hatte bei seiner ersten Weltmeisterschaft die Gruppenphase überstanden und Argentinien im Sechzehntelfinale bis in die Verlängerung gezwungen. Erst nach einem 2:3 war das Turnier beendet.
Auf dem Papier war Kap Verde ausgeschieden. In der Erinnerung war das Land fußballerisch bei den Großen angekommen: Es hatte mitgespielt, die Favoriten geärgert und ein ganzes Land begeistert.
Eine Mannschaft aus einem Inselstaat mit kaum mehr Einwohnern als eine große europäische Stadt hatte sich nicht als folkloristische Begleitung der Favoriten präsentiert. Sie hatte gespielt, verteidigt, getroffen und den Titelverteidiger gezwungen, um das Weiterkommen zu kämpfen.
Kap Verde gewann keinen Pokal. Aber das Land gewann Bilder von sich selbst, die es vorher nicht gegeben hatte: Kinder in Nationaltrikots, volle Plätze in Praia, eine Diaspora, die sich über Kontinente hinweg versammelte, und eine Mannschaft, die auf der größten Bühne des Fußballs nicht um Erlaubnis bitten musste, ernst genommen zu werden.
Und in den Vereinigten Staaten werden die Absperrungen abgebaut. Provisorische Fanbereiche verschwinden. Beschilderungen werden entfernt. Stadien erhalten ihren Namen zurück, werden wieder zu den Arenen des American Football, des Baseballs, der Konzerte und der gewöhnlichen Wochenenden.
Hotels leeren sich, Journalisten reisen ab, Mannschaftsbusse stehen nicht mehr vor den Eingängen. Sechs Wochen lang hatten die Vereinigten Staaten gemeinsam mit Mexiko und Kanada im Zentrum der Fußballwelt gestanden. 48 Mannschaften bestritten 104 Spiele in 16 Gastgeberstädten. Mehr als 6,6 Millionen Zuschauer kamen bereits bis zu den Halbfinals in die Stadien. Die FIFA feierte Rekorde, volle Ränge und die größte Weltmeisterschaft der Geschichte.
Doch während die letzten Tribünen gereinigt werden, beginnt die schwierigere Frage: Was bleibt davon?
Bleiben neue Fußballanhänger? Bleiben Kinder, die jetzt selbst spielen wollen? Bleiben Begegnungen zwischen Gastgebern und Gästen? Bleibt ein anderes Bild der Vereinigten Staaten in der Welt – und ein anderes Bild des Fußballs in den Vereinigten Staaten?
Oder bleibt vor allem die Erinnerung an ein gewaltiges Ereignis, das gekommen ist, alles überstrahlt hat und anschließend weitergezogen ist?
Spanien, Argentinien, Frankreich, Deutschland, Kap Verde und die Vereinigten Staaten erleben an diesem Morgen nicht das Ende derselben Weltmeisterschaft. Für Spanien endet sie mit der Vollendung. Für Argentinien mit einem verlorenen Traum. Für Frankreich mit einer Enttäuschung auf höchstem Niveau. Für Deutschland mit einer weiteren Selbstbefragung. Für Kap Verde mit dem Stolz, sichtbar geworden zu sein. Für die Vereinigten Staaten mit der offenen Frage, ob aus einem Ereignis eine Beziehung entstanden ist.
Dasselbe Turnier ist vorbei. Aber nicht dieselbe Weltmeisterschaft. Denn diese WM hatte keinen einzigen Verlauf und keine einheitliche Bedeutung. Sie war sportlicher Wettbewerb und gesellschaftliches Ereignis, Volksfest und Geschäftsmodell, Begegnung und Abgrenzung, Fußball und Unterhaltungsmaschine. Sie schenkte Menschen Erinnerungen und verlangte ihnen gleichzeitig viel ab. Sie öffnete die große Bühne für Länder, die dort bisher nicht vorkamen, und entfernte sich mit ihren Preisen und ihrer Vermarktung von anderen, die den Fußball seit Jahrzehnten tragen. Als Spanien den Pokal hob, endete deshalb nicht eine Weltmeisterschaft. Es endeten viele Weltmeisterschaften zur gleichen Zeit.
Teil 1: Das Versprechen
Diese Weltmeisterschaft begann lange vor dem ersten Anpfiff mit einem Versprechen. Sie sollte größer werden – und durch ihre Größe auch gerechter.
Erstmals nahmen 48 Mannschaften teil. Erstmals richteten drei Länder das Turnier gemeinsam aus. 104 Spiele verteilten sich auf 16 Städte und einen ganzen Kontinent: Nordamerika. Kanada, Mexiko und die Vereinigten Staaten sollten nicht nur Gastgeber sein, sondern gemeinsam die Bühne für ein Fußballfest bilden, dessen Ausmaß alles übertraf, was diese Art von Turnier zuvor gekannt hatte. Die FIFA bezeichnete die Ausgabe von 2026 als die größte und inklusivste Weltmeisterschaft ihrer Geschichte.
Das Wort „inklusiv“ war dabei nicht bloß Teil der Werbung. Eine Weltmeisterschaft mit 32 Teilnehmern hatte über Jahrzehnte entschieden, welche Teile der Fußballwelt regelmäßig sichtbar wurden und welche vor den Fernsehkameras weitgehend verschwanden.
Mehr Startplätze bedeuteten mehr Möglichkeiten für Afrika, Asien, Nord- und Mittelamerika und kleinere Fußballnationen. Länder, für die bereits die Qualifikation ein seltenes nationales Ereignis gewesen war, sollten nun tatsächlich teilnehmen können.
Die Vergrößerung versprach, die Landkarte des Fußballs ehrlicher abzubilden. Denn der Fußball gehört nicht nur den Nationen, die Weltmeisterschaften gewonnen haben, über milliardenschwere Ligen verfügen und ihre Spieler in den größten europäischen Vereinen beschäftigen.
Er gehört auch den Ländern, in denen auf staubigen Plätzen gespielt wird, deren Verbände mit begrenzten Mitteln arbeiten und deren Nationalmannschaften kaum Gelegenheit erhalten, sich mit der Weltspitze zu messen.
Kap Verde war deshalb kein dekorativer Neuling. Curaçao war keine exotische Ergänzung. Die DR Kongo, Jordanien, Haiti oder Usbekistan waren keine Gäste, denen die traditionellen Fußballmächte großzügig einen Platz am Rand überließen.
Sie waren Teilnehmer einer Weltmeisterschaft. Gleichgestellt, nicht geduldet. Sie kamen nicht, um am Kindertisch zu sitzen, sie kickten mit großen Fußballnationen auf einer Ebene. Diese Spiele bewiesen wieder einmal, dass großer Sport weder ein großes Land noch das große Geld benötigt.
Das klingt selbstverständlich. Das war es aber lange nicht. Das neue Format gab mehr Ländern die Möglichkeit, sich selbst auf dieser Bühne zu erleben. Es gab ihren Menschen eine Nationalmannschaft über ihre eigenen Grenzen hinaus. Eine Nation, die nicht nur von der großen Reise träumte, sondern tatsächlich dort ankam, zusammen. Es gab Kindern neue Helden, Verbänden neue Aufmerksamkeit und Gesellschaften gemeinsame Momente, die unabhängig vom späteren Ergebnis Bestand haben sollten.
In diesem Sinne erfüllte das Turnier sein Versprechen. Die Gruppenphase bestand aus 72 Spielen in nur 17 Tagen. Neue Mannschaften trafen auf alte Weltmeister, kleinere Verbände auf die großen Systeme des internationalen Fußballs. Nicht jeder Außenseiter gewann. Nicht jede Begegnung wurde zum Drama. Aber allein die Anwesenheit der neuen Teilnehmer veränderte die Wahrnehmung des Ganzen.
Plötzlich musste sich Argentinien mit Kap Verde beschäftigen. Deutschland musste Curaçao ernst nehmen. Spanien begegnete einem Gegner, dessen Teilnahme für ein ganzes Land bereits Geschichte bedeutete. Mannschaften, die in europäischen Medien sonst höchstens als Ergebniszeile einer Qualifikationsrunde auftauchten, erhielten Gesichter, Spieler, Trainer, Geschichten und eine eigene Art, Fußball zu spielen.
Die Weltmeisterschaft wurde dadurch tatsächlich globaler, größer, aber auch tiefer.
Doch jedes große Versprechen trägt die Möglichkeit seines Gegenteils bereits in sich. Mehr Mannschaften bedeuten mehr Sichtbarkeit. Sie bedeuten aber nicht automatisch mehr Gleichberechtigung. Mehr Spiele bedeuten mehr Geschichten. Sie können aber auch dazu führen, dass das einzelne Spiel an Gewicht verliert, in der Masse untergeht.
Mehr Gastgeberstädte bedeuten mehr Menschen, die das Turnier erleben können. Sie bedeuten zugleich größere Entfernungen, mehr Reisen und eine Organisation, deren Dimensionen kaum noch beherrschbar erscheinen.
Mehr Zuschauer bedeuten volle Stadien. Sie beantworten jedoch nicht die Frage, wer sich den Eintritt leisten konnte. Trotz enormer Nachfrage wurden die hohen und dynamisch veränderten Ticketpreise zu einem der großen Streitpunkte des Turniers. Volle Ränge waren ein wirtschaftlicher Erfolg – aber kein Beweis dafür, dass die Weltmeisterschaft für alle zugänglicher geworden war. Hier starb die Inklusion einen elenden Preistod.
Und mehr Aufmerksamkeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Fußball selbst im Mittelpunkt bleibt. Die größte Weltmeisterschaft der Geschichte benötigte eine gewaltige Maschine. Sie brauchte Sponsoren, Medienpartner, Sicherheitskonzepte, Flugbewegungen, Hotels, Fanbereiche, technische Systeme und eine Unterhaltungsindustrie, die aus jedem freien Moment ein vermarktbares Ereignis machen konnte.
So entstand bereits im Versprechen der zentrale Widerspruch dieses Turniers:
Die WM wollte den Fußball für mehr Menschen öffnen – und wurde gleichzeitig zu einem Produkt, das sich viele Menschen immer weniger live leisten konnten.
Sie wollte mehr Ländern eine Bühne geben – und verlangte ihnen Reisen und Belastungen von bisher unbekanntem Ausmaß ab.
Sie wollte ein Fest der Welt sein – und musste sich dafür den Bedingungen eines Marktes unterwerfen, der Größe vor allem in Reichweite, Einnahmen und verwertbarer Aufmerksamkeit misst.
Sie konnte Begegnungen ermöglichen und Unterschiede sichtbar machen. Sie konnte kleine Länder stärken und große Nationen herausfordern.
Sie konnte Menschen zusammenbringen, die sich ohne dieses Turnier niemals begegnet wären.
Sie konnte den Fußball aber auch verdünnen, überladen und hinter seiner eigenen Inszenierung verschwinden lassen.
Die erste Frage dieser Weltmeisterschaft lautete daher nicht, wer sie gewinnen würde.
Sie lautete: Würde das Mehr den Fußball reicher machen – oder lediglich größer und lauter?
Morgen an dieser Stelle lesen Sie den 2. Teil dieser 8-teiligen Artikelfolge: Der Preis der Größe
Redaktionelle Bearbeitung: ji · Elf & Ordnung